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08.07.2013

Expertenwissen bei neurogener Darmfunktionsstörungen

Lobbach, 08.07.2013 - Nicht laufen zu können ist die Einschränkung, die alle Welt sehen kann und die als das zentrale Handicap bei Querschnittlähmung wahrgenommen wird. Für Betroffene jedoch langfristig weitaus belastender, ist die bei fast jeder Rückenmarksverletzung auftretende Funktionsstörung des Darms. Die von der Manfred-Sauer-Stiftung neu geschaffene Fortbildung „Experte/Expertin für neurogene Darmfunktionsstörungen“ will die Grundlage für eine integrative Professionalisierung in diesem Bereich schaffen.

Der Verlust der autonomen Kontrolle über die Ausscheidungen ist für die meisten Menschen ein Tabuthema. Diese macht es Pflegenden besonders schwer auf den Patienten einzugehen und eine geeignete Behandlung zu finden. Einerseits wissen alle um die Wichtigkeit eines funktionierenden Darmmanagement, andererseits verhindern eine Kombination aus Scham, Zeitdruck und Verweildauer im Klinikalltag eine umfassende Beschäftigung mit der Darmproblematik. 


Erster Lehrgang Juni/Oktober 2013

Die Fortbildung zum Darm-Experten schafft für Pflegende und Therapeuten erstmalig eine fachübergreifende theoretische Grundlage für das vorhandene Praxiswissen. Wie hoch der Bedarf an einer Professionalisierung ist, zeigt das große Interesse von Kliniken und Fachpersonal. „Kaum war der Kurs für 2013 ausgeschrieben, war er auch schon ausgebucht“, sagt Veronika Geng, Pflegewissenschaftlerin und Kursleiterin in der Manfred-Sauer-Stiftung. „Die Warteliste war endlos. Uns blieb nichts anderes übrig als auf den nächsten Lehrgang im kommenden Jahr zu verweisen.“ 

Vermittelt werden in den beiden Präsenzwochen im Sommer und Herbst Grundlagen und umfassendes Wissen über Anatomie, Physiologie und Pathophysiologie des Verdauungsapparates, Komplikationen und Krankheitsbilder der neurogenen Darmfunktionsstörung, Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten, Darmmanagement und die Wechselwirkung von Ernährung und Verdauung. Beleuchtet werden zudem die Einsatzmöglichkeiten von Functional Foods und Laxantien bzw. Polypharmaka. Die Inhalte erarbeitete die Pflege- und Ernährungswissenschaftler der Manfred-Sauer-Stiftung in Zusammenarbeit mit Dr. Dietrich Leder, Koloproktologe aus München/Sonthofen.

Die Ziele, die mit der Fortbildung Experte/Expertin für neurogene Darmfunktions-störungen erreicht werden sollen, sind keine geringen: Die Handlungskompetenzen der Kursteilnehmer werden erweitert, vorhandene Kenntnisse vertieft und neues Wissen erarbeitet. Nach Abschluss werden die Pflegenden laut Geng in der Lage sein sich der Problematik neurogener Darmfunktionsstörung im Klinikalltag effektiver widmen zu können. Neben den theoretischen Bezugsrahmen, setzt der Lehrgang hierbei verstärkt auf Dialog, Gruppenarbeit und Fallbeispiele.


Neue Techniken und interdisziplinärer Austausch   

Die Teilnehmer an dem Lehrgang sind am Ende der ersten Präsenzwoche in der Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach erschöpft aber begeistert.

Als „sehr intensiv“ und „durchgängig wissenschaftlich“ beurteilt Hans Almer, diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger in der AUVA Klinik Tobelbad/Österreich, den Kurs. „Nicht alle Informationen zum Darm, zur Darmtätigkeit, zum Darmmanagement sind neu für mich. Ich denke, das gilt für jeden Teilnehmer. Wir kommen ja alle aus dem Bereich“, sagt er. „Aber die Inhalte werden im Zusammenhang – auch mit Ernährung – dargestellt, und das ist schon sehr gut. Und etwas was mir persönlich jetzt ganz neu war, kam aus dem Bereich Patienten Gespräch, nämlich die Anleitung zur motivierenden Gesprächsführung.  Das heißt, ich lerne wie ich das Wissen, das ich habe, an den Patienten weitergebe und zwar so, dass er mich versteht und annehmen und auch umsetzen kann, was ich sage.“

„Ich bin immer auf der Suche nach neuem Input, nach einem neuen Gedanken, der mich in der Ausübung meines Berufes weiterbringt“, sagt Janette Obereisenbuchner, Diätassistentin und Ernährungsberaterin am Brandenburgischen Querschnittzentrum. „Das ist ein Prozess, ein kontinuierliches Weiterbilden um die Dinge besser zu verstehen. Und wenn ich etwas verstehe bin ich eher dazu in der Lage Maßnahmen abzuleiten, die meinem eigenen Fachgebiet und das der Pflegenden gerecht werden. Durch den Kurs wird, denke ich, das Verständnis zwischen den Gebieten der Ernährung einerseits und der Pflege andererseits geschaffen oder erweitert. Wir sind Partner. Wir brauchen einander um effektiv arbeiten zu können, um eine Behandlung erarbeiten zu können, die über das blinde Probieren hinausgeht.“

Darüber wie bedeutsam der Dialog zwischen den Fachrichtungen aber auch mit den Kurzteilnehmern untereinander ist, sind sich alle einig. „Der Austausch mit den Kollegen ist extrem wichtig“, erläutert Almer. „Zu sehen, dass wir überall - international und an den Kliniken - die gleichen Probleme haben und jetzt gemeinsam Lösungen optimieren zu können: Das kann schon sehr entscheidend für die Entwicklung bei der Behandlung der neurogenen Darmfunktionsstörung sein.“

„Ich nehme sehr viel mit nach Hause und würde diese Weiterbildung jedem anderen Ernährungsberater empfehlen, der im Querschnitt tätig ist“, sagt Obereisenbuchner abschließend. „Und jedem Pflegenden auch.“