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22.11.2013

Ein Sport für Schwerstbehinderte

Die deutsche E-Hockey-Nationalmannschaft bereitet sich in Lobbach auf die Heim-WM vor.

RNZ 20.11.2013 – von Nikolas Beck

Lobbach. Eigentlich wirkte alles so beschaulich. Das friedliche Miteinander auf dem Feld, das leise Summen der Elektro-Rollstühle, ab und an unterbrochen vom Geräusch eines Schlagschusses. Doch der erste Eindruck täuschte. In der Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach ging es am Wochenende richtig zur Sache. Die deutsche E-Hockey Nationalmannschaft bereitete sich auf die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr in München vor.

„Die Sauer-Stiftung bietet für uns einfach die besten Voraussetzungen“, erklärt Teammanager Julian Wendel: „Hier haben wir vom Essen bis zur Sporthalle alles barrierefrei unter einem Dach.“ Sich mit dem Rollstuhl frei bewegen zu können, könnte nicht wichtiger sein. Denn Elektro-Rollstuhl-Hockey wird ausschließlich von schwerkörperbehinderten Menschen gespielt. Zwar wird den Spielern wie in anderen Behinderten-Sportarten je nach Schwere ihres Handicaps eine Punktzahl zwischen eins und vier zugeordnet und die Gesamtpunktzahl auf dem Feld darf elf nicht überschreiten. Selbst Spieler mit der höchsten Punktzahl haben jedoch eine Schwerstbehinderung. „Dadurch soll der Sport geschützt bleiben. E-Hockey ist die einzige Mannschaftssportart dieser Art“, erklärt Wendel. Für die Sportler ist es also die einzige Möglichkeit, zum sportlichen Kräftemessen.

Ende der 1970er-Jahre entstand das E-Hockey parallel in Deutschland und den Niederlanden. Erst während der 90er bildeten sich hierzulande einige Vereine, die seit 2005 in einer Bundesliga spielen. Torpedo Ladenburg gilt als das „Bayern München“ des Elektro-Rollis. Allerdings greifen nur etwa 150 deutsche Aktive regelmäßig zum Schläger. Zum einen ist die Sportart noch relativ unbekannt, zum anderen nicht gerade billig. Manche steuern den Rollstuhl mit den Fingern, andere mit den Armen. Die meisten führendenSchläger mit der Hand (Freischläger), aber einige haben ihn auch am Stuhl befestigt (Festschläger). Jeder Sportstuhl, bis zu 15 Kilometer pro Stunde schnell, muss also individuell angefertigt werden. Das kann schnell 10000 bis 15000 Euro kosten.

Auch die Nationalmannschaft – nach dem „Wunder von Sabbiadoro 2010“ immerhin aktueller Weltmeister – ist auf die Unterstützung der wenigen nationalen Vereine angewiesen. Zurzeit plant man bis zum Beginn der Heim-WM vom 6. bis 10. August noch vier weitere Lehrgänge durchzuführen. „Dafür brauchen wir aber noch Sponsoren, auch ein Trikotsponsor für die WM fehlt noch“, berichtet Wendel und erklärt den Reiz des E-Hockeys: „Es ist eine rasante Mischung aus Ballführen, -passen und den Gegner abblocken.“

Auch Hausherr Manfred Sauer wusste vorher nicht, was in seiner Halle stattfinden würde und war angetan: „Es ist eine unheimlich physische aber vor allem faire Sportart. Beeindruckend, wie mit einer Hand der Rollstuhl bedient und mit der anderen der Schläger geführt wird.“ Über das sportliche Angebot versucht Sauer, Rollstuhlfahrer auch für die anderen Möglichkeiten innerhalb seiner Stiftung aufmerksam zu machen. Egal ob Yoga-, Kreativ-, oder Schulterkurs – bevor die Ludwig-Gutmann-Halle gebaut wurde, seien die diversen Angebote einfach zu wenig genutzt worden. Heute weiß Sauer: „Der Sport ist definitiv eine Belebung für die Stiftung.“

Die Nationalmannschaft um die beiden Heidelberger Deniz Genc (Bundestrainer) und Topscorer Paul Emmeringsei zwar Titelverteidiger, nach einem personellen Umbruch aber nicht Topfavorit“, berichtet Wendel. Doch wer weiß – vielleicht wurde in Lobbach der Weg zum nächsten WM-Titel geebnet.